Welche Lehren Europa aus dem Zoll-Deal ziehen sollte
Über den Zoll-Deal der EU mit Trump wird viel diskutiert. Vermögensverwalter Andreas Schyra rechnet mit negativen Folgen – vor allem für den exportstarken deutschen Mittelstand.

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achdem Ursula von der Leyen für Ihren Deal mit Donald Trump zunächst kurzfristig gelobt wurde, kehrte mittlerweile deutliche Ernüchterung ein. Der US-Präsident ist seinem Ruf als „Deal Maker“ gerecht geworden, der sich strikt in der Position des Stärkeren sieht und dies auslebt. Er leierte der EU-Kommissionspräsidentin neben Investitionsverpflichtungen und Energieabnahmen über 1,35 Billionen US-Dollar auch noch einen pauschalen Zollsatz von 15 Prozent auf EU-Exporte in die USA aus dem Kreuz.
Weitere Details sind noch zu verhandeln, aber auf den ersten Blick überwog die Überzeugung mittels dieser Vereinbarung einen umfangreichen Handelskrieg zwischen beiden Parteien vermieden zu haben. Mittlerweile hat sich die Auffassung jedoch gedreht: Der deutsche Kanzler Friedrich Merz und andere Vertreter aus Politik und Wirtschaft sehen die deutsche Wirtschaft hart getroffen und die finalen Ausmaße der Vereinbarung sind noch nicht absehbar.
Manche Großkonzerne werden in der Lage sein, den Zöllen anteilig zu entgehen, wenn es zu Verlagerungen kommt oder direkt in den USA produziert wird. Letztlich könnten diese Ausweichbewegungen jedoch negative Implikationen für den Standort Deutschland und seinen Arbeitsmarkt mit sich bringen.
America First und das Recht des Stärkeren
Die nunmehr geforderten Gegenmaßnahmen würden zu einem erneuten Aufkeimen der Konflikte führen und Donald Trump würde sich wahrscheinlich noch deutlich stärker an seinen protektionistischen Wahlversprechungen orientieren. Er lebt seinen Slogan des „America First“ schließlich global mit Nachdruck aus. Es ist somit davon auszugehen, dass auch nach Abschluss der Vereinbarungen vom 27. Juli 2025 noch nicht das letzte Wörtchen im Handelsdissens zwischen den USA und der EU gesprochen ist. Dieses Datum mutete zunächst historisch an, im Nachhinein wird es jedoch innerhalb der weiteren Gespräche untergehen.
Sicherlich wäre es Wunschdenken, dass eine deutsche Politikerin im Amt der EU-Kommissionspräsidentin ihr Heimatland und dessen Interessen vorrangig in einer derartigen Vereinbarung mit den USA berücksichtige. Jedoch wäre es wünschenswert, wenn ein „Make Germany Great Again“ einen breiteren Fokus gewinnen würde.
Von einem wirtschaftlich starken Deutschland als ursprüngliche Wachstumslokomotive der EU können alle Mitgliedsstaaten profitieren. Neben den strukturellen Herausforderungen, die in den letzten Jahren mit zunehmender Dynamik anwuchsen, hat die deutsche Wirtschaft nun auch noch mit einem Handelsabkommen zu kämpfen, was zahlreiche Branchen nennenswert belasten wird.
Fauler Kompromiss für Verteidigungsfähigkeit
Zugegebenermaßen ist es im gemeinsamen Interesse aller EU-Mitglieder sowie ganz Europas, dass die USA weiterhin als starker Verbündeter des Westens gegenüber Russland Seite an Seite stehen, was zwischenzeitlich in Frage gestellt werden musste. Die einseitig belastenden Komponenten des Zoll-Deals können daher auch als Kompensation oder Schmerzensgeld angesehen werden, um sich diese andauernde Unterstützung der USA zu erkaufen, weil die EU und Europa ohne die USA in Verteidigungsfragen ziemlich alt aussehen würde.
Diesbezüglich bleibt zu hoffen, dass Donald Trump nicht seinerseits noch einmal nachverhandeln möchte, wenn er sich bei Zeiten doch mal wieder über die EU oder gewisse Parameter des Abkommens ärgert oder gar bei Zeiten merkt, dass die US-Importeure und Verbraucher einen erheblichen Teil der Zeche zahlen werden.
Diversifikation auf wirtschaftlicher und politischer Ebene
Als Lehre sollte die EU aber auch Deutschland aus dem ersten Halbjahr der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump mitnehmen, dass es wichtig ist sich zukünftig bei wirtschaftlichen Beziehungen breiter aufzustellen und zu versuchen den Fokus auf verlässliche Partnerschaften zu legen. Analog der Kapitalallokation sollten nicht alle Eier in einen Korb gelegt werden – das Prinzip der Diversifikation gilt auf politischer wie auf wirtschaftlicher Ebene.
