Wie Bewertungsrekorde die Aktienmärkte verändern

Die Bewertungen von US-Aktien sind immer noch hoch. Was das für Anleger bedeutet und wie viel Gewicht europäische Titel im Portfolio ausmachen sollten, erklärt Andreas Schyra.

15. Oktober 2025

4,7 min.

Dr. Andreas Schyra

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Die großen US-Indizes handeln aktuell auf Bewertungsniveaus, die teils deutlich über ihren historischen Durchschnitten liegen. Gleichzeitig drängen veränderte geldpolitische Rahmenbedingungen, hohe Konzentrationseffekte im Technologiesektor und vergleichsweise günstiger bewertete europäische Märkte institutionelle Investoren dazu, ihre Allokationsstrategien neu auszurichten.

Die Einordnung, ob Wertpapiere günstig oder teuer sind, erfolgt häufig anhand von Kennzahlen wie beispielsweise dem Kurs-Gewinn-Verhältnis (kurz: KGV). Aktuell beträgt das KGV der größten US-Aktienindizes, im Vergleich zum Durchschnitt der letzten zehn Jahre:

S&P 500: 28,3 vs. 19,3
Dow Jones: 23,4 vs. 20,0
Nasdaq 100: 33,9 vs. 26,1

Ersichtlich wird sofort, dass die aktuellen Werte teils deutlich über ihren historischen Durchschnitten liegen. Ein Grund ist insbesondere die Dominanz von Tech-Werten in S&P 500 sowie Nasdaq 100, welche die Indizes von einem zum nächsten Höchststand treibt. Der historische Vergleich hinkt jedoch, weil diese Geschäftsmodelle insbesondere durch die künstliche Intelligenz in den letzten Jahren überproportional an Bewandtnis gewonnen haben.

Ist der Bewertungsaufschlag der US-Aktienmärkte gerechtfertigt?

Im Vergleich zu den eher traditionellen Tätigkeitsfeldern, die sich in zahlreichen europäischen Indizes wiederfinden, sind die Bewertungen der US-Aktienmärkte in der Regel immer etwas höher. Dieser Bewertungsaufschlag ist ebenfalls darauf zurückzuführen, dass viele Zukunftstechnologien in den USA und nicht in Europa entwickelt werden. Die folgende Bewertung der europäischen Märkte entspricht der obigen Vorgehensweise der US-Indizes:

Dax: 19,3 vs.13,0
Euro Stoxx 50: 17,5 vs. 13,8

Genau wie in den USA liegen die aktuellen KGV-Werte auch in Europa über ihren historischen Durchschnitten. In Europa und insbesondere in Deutschland, dem liquidesten Aktienmarkt Europas, ist die Anzahl der Unternehmen, die in den letzten Monaten bzw. Jahren zu steigenden Kursen sowie Bewertungen beitrugen, jedoch deutlich geringer als in den USA.

Laut einer monatlichen Auswertung der Bank of America unter internationalen Portfoliomanagern schätzen 90 Prozent der Teilnehmer die US-Märkte im Oktober 2025 als überbewertet ein. Insbesondere die oben genannte Technologiedominanz wird kritisch gesehen. Dem darf jedoch entgegengehalten werden, dass eine steigende Bewertung dann unproblematisch ist, wenn die zugrundeliegenden Unternehmen diese mit einer verbesserten Substanz und Ertragskraft rechtfertigen. Eben dies ist bei zahlreichen der vielzitierten Großkonzerne des Silicon Valley weiterhin der Fall. Der häufig herangezogene Vergleich mit der geplatzten Dotcom-Blase zu Jahrtausendbeginn hinkt also, weil die damaligen Bewertungsanstiege nicht mit Substanz unterlegt waren.

Neben dem KGV nutzen einige professionelle Anleger, wie beispielsweise Warren Buffet, ein Verhältnis der gesamten US-Marktkapitalisierung im Vergleich zum US-BIP. Dieses offenbart jedoch ein Missverhältnis, weil die wirtschaftliche US-Gesamtleistung der gestiegenen Marktkapitalisierung nicht standhalten kann. Durch die dynamischen Kurserhöhungen ergibt sich mittlerweile ein Wert von rund 220 Prozent, wobei Buffet Ergebnisse oberhalb von 200 bereits kritisch sieht. Folglich erhöhte er stetig seine Liquiditätsquote, um im Fall eines deutlichen Kursrutsches investieren zu können.

Anleger sollten nicht voreilig eine Trendwende ausrufen

Trotz hoher Bewertungen an den US-Märkten sollten Anleger vorsichtig sein, voreilig eine Trendwende auszurufen. Zahlreiche Tech-Giganten verfügen über erhebliche Cashreserven, stabile Margen und Wachstumspotenziale, die hohe Multiples rechtfertigen können. Gleichwohl bestehen wesentliche Risiken, die eine breitere Streuung sinnvoll machen: Eine unerwartet hartnäckige Inflation könnte den geldpolitischen Spielraum der Fed einschränken und Bewertungsniveaus unter Druck setzen.

Hinzu kommen Wechselkursrisiken für Euro-Investoren sowie politische Unsicherheiten im Vorfeld der US-Midterms, welche die Marktvolatilität erhöhen können. Auch Gewinnrevisionen infolge einer drohenden konjunkturellen Abkühlung stellen ein Risiko dar. Eine breit diversifizierte Allokation über Regionen, Sektoren und Unternehmensgrößen hinweg ist daher entscheidend, um potenzielle Rückschläge abzufedern und langfristig attraktive Renditechancen zu sichern.

Anforderungen an ein aktives Portfoliomanagement steigen

Ob KGV, gesamtwirtschaftlicher Vergleich oder historische Einordnung, jede Kennzahl hat ihre Vor- und Nachteile, weshalb keine frei von Kritik ist. In den vergangenen Jahren war es jedoch recht einfach positive Renditen über Index-Investitionen mittels ETFs oder ähnlichem zu erzielen. Da die Luft an den europäischen sowie den US-Aktienmärkten jedoch zunehmend dünner wird, steigen die Anforderungen an ein aktives Portfolio- und Risikomanagement.

Eines ist jedoch sicher, der Slogan des „Don’t fight the Fed“ wird auch weiterhin die Märkte bewegen: Die eingeleiteten Zinssenkungen der US-Notenbank bewirken einen verringerten Diskontierungszins, mit dem zukünftige Cashflows barwertig im aktuellen Kurs abgebildet werden. Weitere Senkungen ermöglichen daher einen zusätzlichen Spielraum für eine anhaltende, breiter aufgestellte Hausse. Sollten die Erwartungshaltungen an das Ausmaß zukünftiger Leitzinssenkungen nicht übertrieben sein, bieten sich insbesondere kleineren Unternehmen mit zinssensitiven Geschäftsmodellen höhere Chancen als den Großkonzernen.

Unter den Annahmen einer wirtschaftsfreundlichen Notenbankpolitik und einer verhaltenen Inflationsentwicklung ist der Spielraum für Zinssenkungen in den USA deutlich größer als in Europa. Ein kritischer Blick auf einzelne Unternehmen der sogenannten zweite Reihe unterhalb der genannten US-Indizes bietet hier eine breite Auswahl an Investments.

Investoren sollten starke US-Gewichtung hinterfragen

Für professionelle Investoren kann es sinnvoll sein, die starke Gewichtung der USA im globalen Aktienportfolio taktisch zu hinterfragen und den Anteil europäischer Titel behutsam zu erhöhen. Eine Beimischung von 20 bis 30 Prozent europäischer Aktien im Rahmen eines global diversifizierten Portfolios bietet nicht nur Bewertungsreserven, sondern auch eine höhere Sektorbreite mit Schwerpunkten auf Industrie, erneuerbare Energien und Konsumgüter.

Besonders interessant sind derzeit Small- und Mid-Cap-Unternehmen mit zinssensitiven Geschäftsmodellen, die überproportional von einem geldpolitischen Kurswechsel profitieren können. Für Investoren mit längerem Anlagehorizont kann es sich zudem lohnen, gezielt Qualitätsunternehmen mit robustem Cashflow und soliden Dividendenrenditen auszuwählen, die in einem Umfeld fallender Zinsen besonders attraktiv bewertet sein dürften.

  • Dieser Artikel wurde geschrieben für Das Investment.

Über den Autor

Dr. Andreas Schyra

About the Author: Dr. Andreas Schyra

ist Mitglied des Vorstands der PVV AG und verantwortet das Portfoliomanagement sowie sämtliche Aufsichtsbereiche. Zudem doziert er in finanzwirtschaftlichen Studiengängen an der FOM Hochschule Essen, publiziert Beiträge zu aktuellen Fragestellungen des Finanzwesens und hält Fachseminare beim Verband unabhängiger Vermögensverwalter Deutschland e.V.
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