Das gefährliche Spiel der USA mit dem kurzfristigen Zins
Das US-Finanzministerium kauft verstärkt langlaufende Anleihen zurück – ein Schritt mit Folgen für die Fed. Warum das riskant ist, erklärt Gastautor Andreas Schyra.

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Mitte August 2026 kündigte das US-Finanzministerium eine Überraschung an: Es weitet die Rückkäufe langlaufender Staatsanleihen deutlich aus. Bereits 2025 hatte das Ministerium die Häufigkeit der Rückkäufe in den Laufzeitsegmenten von 10 bis 30 Jahren verdoppelt. Jetzt steigt zusätzlich das maximale Volumen je Rückkaufoperation: von 2 auf mindestens 4 Milliarden Dollar.
Offiziell soll die Maßnahme die Liquidität am langen Ende des Anleihemarktes verbessern. Sie kommt jedoch zu einem bemerkenswerten Zeitpunkt: Die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen sind kräftig gestiegen, während Washington gewaltige neue Finanzierungsvolumina bewältigen muss.
Kürzere Laufzeiten lösen das Schuldenproblem nicht
Rückkäufe allein senken die Staatsschulden nicht. Das Finanzministerium muss sich die dafür nötigen Mittel am Kapitalmarkt zurückholen. Deckt Washington seinen Finanzierungsbedarf verstärkt über kurzlaufende Staatsanleihen, die sogenannten Treasury Bills, verschiebt sich ein Teil des Zinsrisikos hin zu kurzen Laufzeiten. Das klingt zunächst verlockend: Bei einer normal verlaufenden Zinsstrukturkurve ist eine kurzfristige Finanzierung günstiger, als hohe Zinsen langfristig festzuschreiben. Der Preis dafür: Der Staat muss sich immer häufiger neu refinanzieren.
Genau deshalb gewinnt die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) für den amerikanischen Staatshaushalt zusätzlich an Bedeutung. Inflationserwartungen, Wachstum, Kapitalnachfrage, geopolitische Risiken und das Vertrauen der Kapitalmärkte bestimmen die Renditen langlaufender US-Staatsanleihen. Die Fed dagegen kann das kurzfristige Zinsniveau viel unmittelbarer steuern. Je kürzer sich Washington finanziert, desto schneller wirken sich Änderungen der Geldpolitik auf die Finanzierungskosten des Staates aus.
Wie wichtig dieser Zusammenhang ist, zeigte die jüngste Sitzung der Notenbank. Am 16. September erhöhte sie den Leitzinskorridor einstimmig um 25 Basispunkte auf 3,75 bis 4,00 Prozent. Fed-Chef Kevin Warsh begründete den Schritt mit einer weiterhin zu hohen Inflation und einer gleichzeitig robusten US-Wirtschaft. Besonders bemerkenswert: der Blick nach vorn. Der Median der FOMC-Mitglieder sieht den Leitzins Ende 2026 inzwischen bei 4,1 Prozent – im Juni lag er noch bei 3,8 Prozent. Für Ende 2027 hoben die Notenbanker die Projektion sogar von 3,6 auf ebenfalls 4,1 Prozent an.
Der politische Einfluss auf die Fed steigt
Donald Trump fordert seit Langem deutlich niedrigere Zinsen. Nach der jüngsten Zinserhöhung erklärte er, die US-Zinsen sollten bei 1 Prozent oder darunter liegen. Genau das soll die institutionelle Unabhängigkeit der Notenbank verhindern: Sie richtet geldpolitische Entscheidungen an Preisstabilität und Beschäftigung aus – nicht an den kurzfristigen Finanzierungsinteressen des Staates.
Auf seiner jüngsten Pressekonferenz machte Warsh deutlich: Die Fed hat vor allem die Inflation im Blick. Sie sei schon länger zu hoch. Zugleich widersprach er einer anderen Lesart: Die steigenden Renditen langlaufender US-Staatsanleihen seien kein Zeichen dafür, dass das Vertrauen in die Fed schwindet. Stattdessen verwies er auf die starke US-Wirtschaft, den wachsenden Wettbewerb um Kapital und geopolitische Risiken.
Genau darin liegt die fiskalpolitische Brisanz: Je größer der Schuldenberg und je kurzfristiger seine Finanzierung, desto wertvoller werden niedrige Leitzinsen für den Finanzminister. Eine Regierung, deren Finanzierungskosten immer schneller auf geldpolitische Entscheidungen reagieren, hat einen wachsenden Anreiz, auf die Notenbank einzuwirken. Genau deshalb ist deren politische Unabhängigkeit so bedeutsam.
Schulden und Zinslast der USA wachsen rasant
Analysten erwarten für 2026 Nettozinsausgaben von mehr als einer Billion Dollar – rund 3,3 Prozent des US-Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bis 2036 könnten daraus 2,1 Billionen Dollar und 4,6 Prozent des BIP werden. Gleichzeitig soll die öffentlich gehaltene Staatsverschuldung von rund 100 Prozent des BIP auf 120 Prozent im Jahr 2036 steigen.
Amerika kann sich kurzfristig finanzieren und darauf hoffen, dass die Zinsen irgendwann wieder sinken. Die jüngste Fed-Sitzung zeigt jedoch: Diese Hoffnung ist keineswegs selbstverständlich. Die Notenbank hat nicht nur die Zinsen erhöht, sondern auch ihren erwarteten Zinspfad für die kommenden Jahre deutlich nach oben verschoben.
Die Unabhängigkeit der Fed wird zum Schlüsselfaktor
Die USA können dauerhaft hohe Defizite fahren, sie können einen größeren Teil ihres Finanzierungsbedarfs kurzfristig decken, und die Politik kann niedrigere Zinsen fordern. Doch je stärker diese Entwicklungen zusammentreffen, desto bedeutender wird die Unabhängigkeit der Notenbank. Denn je kürzer die Laufzeit der Schulden, desto kürzer wird auch der Weg vom Weißen Haus zur Federal Reserve.
